Wie richte ich ein Autismus gerechtes Arbeitszimmer ein?

Einführung ins Thema

Was heisst denn die „richtige“ Gestaltung? Menschen im Autismus Spektrum nehmen ihre Umgebung anders wahr als Menschen ohne Autismus. Wir schauen uns einzelne Punkte dazu genauer an:

Die Funktion des Reizfilters

Menschen im Autismus Spektrum nehmen ihre Umwelt oft viel intensiver wahr als Neurotypische. Unser Gehirn hat einen Filter, welcher wichtige Informationen von unwichtigen unterscheiden kann. Doch bei Menschen im Autismus Spektrum funktioniert dieser Filter anders. So werden Reize aus dem Umkreis in der Regel ungefiltert aufgesogen. Also oft alles gleichzeitig und intensiv. Wir reden von zu vielen Reizen. Was sind überhaupt Reize?

Unterschiedliche Arten von Reizen

Äussere Reize:

Die äusseren Reize unterscheiden wir in: visuelle (Wahrnehmung über die Augen), auditive (Wahrnehmung über die Ohren). Gerüche, die wir mit Nase und Mund aufnehmen. Dazu gehören auch Berührungen an dem Körper. Und die Wahrnehmung von Hitze, Kälte, Nässe, Grundbedürfnissen und Schmerzen.

Innere Reize:

Doch Reize haben auch ganz andere Zusammenhänge. In Form von Gedanken, Emotionen, Gefühlen, Inputs und Ereignissen.

Zusammenfassung: Lauter Informationen, die an uns, unsere Körper gesendet werden.

Fallbeispiel 1 auditive Reize:

Bei Zürich lebte eine Familie mit einer autistischen, jungen Frau. Der Tagesablauf musste immer gleich sein. Solange sie sich zu Hause aufhielt, musste der jüngere Bruder oben in seinem Zimmer bleiben. Ihre Begründung war, dass er ihr zu laut war.

Fallbeispiel 2 visuelle Reize:

Ein Junge konnte nicht ohne seine Skibrille im Schnee sein. Er jammerte, dass er die Sonne am liebsten herunter werfen würde.

Die autistische Wahrnehmung

Wenn Autisten zu viele Reize aufnehmen, ist das eine sehr unangenehme und schmerzhafte Situation. Stellen Sie sich vor: Sie sind an einem Markt. Es wimmelt an Menschen. Immer wieder werden Sie berührt und finden das sehr unangenehm. Dazu werden Sie zusätzlich belastet vom Sonnenlicht und den ganzen Sehenswürdigkeiten, all den Geräuschen aus einem Durcheinander von Stimmen, Musik und Strassenlärm. Dann stechen Ihnen noch dominante Gerüche wie Fisch, Käse und gebratenes Fleisch in die Nase. Gleichzeitig riechen Sie Stoffe, Schmuck und Schuhe. Vielleicht raucht auch noch gerade jemand. Alle diese Reize würden in Ihr Gehirn eindringen und lassen sich nicht abschalten. Und Ihre Aufmerksamkeit wird gebraucht, indem Sie mit Informationen, zum Beispiel durch Ihre Familie überflutet werden. Zudem haben Sie noch Ihre eigenen Gedanken im Kopf. So geht es einigen Autisten.

Der Meltdown

Dies alles benötigt sehr viel Energie. Nicht selten ist diese aufgebraucht. Es geht nicht mehr! Dann reden wir von einer Reizüberflutung. Eine bekannte Folge ist der Meltdown. Dieser äussert sich unterschiedlich. Einige bekommen eine Art Wutanfall. Sie schreien, weinen laut, schmeissen Dinge rum. Andere werden fremd- oder autoagressiv. Wieder andere flüchten oder sacken erschöpft zusammen.

Was heisst reizarm?

All das muss nicht sein. Darum habe ich diesen Titel gewählt. Räume, in welchen sich Menschen im Autismus Spektrum aufhalten und konzentrieren, sollen möglichst reiz arm sein: Schalldämpfende Türen, Böden und Wände, wenig Farben, gedämpftes Licht. Eine verstellbare Lampe wäre empfehlenswert! Der Raum soll geruchsneutral sein. Und weit weg von dem Raucherplatz und dem Dampfabzug. Der Tisch soll seine Ordnung haben und nicht dem Fenster zugewandt sein. Ausser, wenn Roll- oder Fensterläden vorhanden sind. In Arbeitszimmern von Geräuschempfindlichen sind Telefone, Wecker und Pendeluhren fehl am Platz.

Fallbeispiel 3 Raumgestaltung:

In Muttenz Bl gibt es das Therapiezentrum FIAS. Das Spielzimmer besteht nur aus weissen Wänden und einem kleinen Regal mit wenigen Spielsachen. Im ganzen Haus darf nur geflüstert werden. Auch die Klingel darf niemand benutzen.

Fallbeispiel 4 Informationsverarbeitung:

In Stäfa ZH befindet sich die Firma Asperger Informatik. Jeder Mitarbeiter darf nach seinen Bedürfnissen arbeiten. So gab es eine Lernende, die Rückmeldungen nur in Form von E-Mails haben wollte. Da sie persönliche Gespräche sehr anstrengend fand. In der ganzen Firma herrscht Ruhe während den Arbeitszeiten. In der Küche ist alles perfekt eingeräumt.

Tipps für unterwegs…

Und wenn das alles nicht möglich ist, lohnt es sich sehr zu fragen, ob Kopfhörer und evtl. Sonnenbrillen eingesetzt werden dürfen. Dies ist auch für unterwegs empfehlenswert.

Fallbeispiel 5: Autismus freundliches Einkaufen:

Der Verein autismus deutsche schweiz setzt sich sehr für die Sensibilisierung der autistischen Wahrnehmung ein. So hat sich kürzlich ein Pilotprojekt erfolgreich durchgesetzt: In vier SPAR Geschäften bei Zürich, sowie in COOP Geschäften finden die „stillen Stunden“ regelmässig statt. Das heisst keine Durchsagen, keine Musik, gedämpftes Licht, leise Gespräche. Begleithunde sind willkommen. Das Angebot soll vergrössert werden. Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite von autismus deutsche schweiz.

Kontakt:

Für Fragen können Sie mich gerne kontaktieren: fragen@autismus.live

Oder besuchen Sie die Facebook Gruppe: Sunpower – selbstbewusst autistisch!

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